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Broschüre 2006


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Aus dem Vorwort:

Unser Ziel ist es, uns überflüssig zu machen

Das Büro für medizinische Flüchtlingshilfe feiert dieses Jahr seinen zehnten Geburtstag. Wir nehmen diesen Geburtstag zum Anlass, Bilanz zu ziehen: Was haben wir eigentlich in den letzten zehn Jahren gemacht und wofür war das gut? Was ist die Perspektive?

Wir wollen die Diskussionen, Brüche und Konflikte eines linken antirassistischen Projekts nachzeichnen, die andere Gruppen und Projekte möglicherweise ebenfalls beschäftigen. Das heißt nicht, wir hätten diese Konflikte gelöst oder die Diskussionen zu Ende geführt. Mit dem vorliegenden Versuch einer selbstkritischen Reflexion möchten wir einen Beitrag zur Weiterentwicklung unserer und anderer antirassistischer Praxis leisten. Wir knüpfen damit auch an die Thematik des im Sommer 2005 veröffentlichten Buches „WiderstandsBewegungen. Antirassismus zwischen Alltag & Aktion“ an: „Für das Buchprojekt haben wir Einzel- und Gruppenmeinungen gesucht, die eigene WiderstandsBewegungen erklären, Widerstandsformen diskutieren, Kontroversen und Debatten aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten oder Konflikte noch einmal transparent machen. Im Mittelpunkt steht die Sicht aus und in die Bewegungen. Wir fragten nicht (nur) nach guten Analysen und dichten Beschreibungen, sondern vor allem nach Widerstandserfahrungen, nach Bewertungen von Niederlagen und natürlich auch von Erfolgen, sowie zukünftige Perspektiven und Utopien.“*

Beginnen wir mit den Widersprüchen und führen wir die Debatten zu Perspektiven und Utopien gemeinsam fort.

Ein Widerspruch, der unserem Ansatz immanent ist, ist das Spannungsverhältnis zwischen Forderungen an den Staat und realer Nischenpolitik, die die angeprangerten Probleme so gut
wie möglich autonom zu lösen versucht. Wir fordern die staatlich finanzierte medizinische Versorgung für alle – unabhängig vom Aufenthaltsstatus. Gleichzeitig bieten wir eine auf Umwegen organisierte medizinische Versorgung an.

In unserem „Büroalltag“ bewegen wir uns dementsprechend zwischen politischer Öffentlichkeitsarbeit und sozialarbeiterischer Unterstützung Einzelner.

Beides erfordert eine gewisse Professionalisierung. Um überzeugend in der Öffentlichkeit Forderungen erheben zu können, müssen wir die gesetzlichen Grundlagen ebenso kennen wie die realen Probleme; und um Kranke ohne Aufenthaltsstatus unterstützen zu können, sind medizinische Kenntnisse genauso nötig wie Wissen über Krankenversicherungen und die Paragraphen des Asylbewerberleistungsgesetzes. Eine Professionalisierung im Sinne von bezahlten Stellen haben wir nie gewollt, da wir keinen Ausbau von Parallelstrukturen mit reduziertem Leistungsumfang wollen, sondern die Integration in die Regelversorgung mit einklagbarem Rechtsanspruch für Illegalisierte. Die Selbstorganisation ist einerseits autonom und unabhängig und gerät andererseits immer wieder an ihre Grenzen. Daraus ergibt sich unser eigentliches Ziel: unsere Arbeit überflüssig machen.

Wir haben als (überwiegend) weiße Deutsche vor zehn Jahren das Büro für medizinische Flüchtlings“hilfe“ gegründet und befanden uns damit von Anfang an im Spannungsfeld zwischen der Hilfe für Bedürftige und dem Anspruch an eine gleichberechtigte Zusammenarbeit mit MigrantInnen. Die Diskussionen über dieses Spannungsfeld und die Versuche MigrantInnen als aktiv Mitarbeitende einzubeziehen haben unsere Geschichte begleitet.

Welche Erwartungen haben sich bewahrheitet? Wie haben sich die Diskussionen und die Probleme verändert?


*  interface (Hg.): WiderstandsBewegungen. Antirassismus zwischen Alltag & Aktion. Assoziation A, 2005